Emblematische Bilder - eine barocke Kunstgattung

Diese Form von Bildern gibt es sonst nur noch in der Schloßkapelle von Stetten im Remstal

 

Die Bilder wollten eine Herzensfrömmigkeit fördern, die im Zeitalter der lutherischen Orthodoxie verloren gegangen war. Sie zeigen einige der im evangelischen Bereich seltenen Herzensdarstellungen.

Das barocke Kirchenschiff von Westen gesehen

 

Die Botschaft der Bilder an den Emporen der Kirche von Freudental
von Reinhard Lieske


Emblematische Bilder - ein ungewöhnlicher Schmuck in einer evangelischen Kirche

Man sieht es der kleinen Kirche von Freudental von außen nicht an, welch ein ungewöhnliches Zeugnis evangelischer kirchlicher Kunst sie in sich birgt. Auch im Inneren wirkt sie eher schlicht und unauffällig, und doch gehört die bunte der Reihe von Bildern, die die Emporen schmücken, zu den interessantesten ihrer Art im ganzen evangelischen Württemberg. Denjenigen, die mit der Erinnerung an die Gestaltung evangelischer Kirchenräume immer noch vor allem den Anblick kahler weißgetünchter Kirchenwände verbinden, sei gesagt, dass gerade das evangelische Württemberg eine ganze Fülle von Bildern aus den Jahrzehnten der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert und vor allem aus der Barockzeit nach Ende des 30jährigen Krieges und bis weit in das 18. Jahrhundert hinein bis heute bewahrt hat. Anders als in den mit Bildern geschmückten lutherischen Kirchen des Landes sonst üblich, in denen wir Episoden der biblischen Heilgeschichte vor Augen gemalt bekommen, sind es hier lauter Szenen, die - allegorisch angereichert - Sinnbildcharakter besitzen, deren frommer Zweck sich eigentlich erst aus den ihnen beigegebenen Sprüchen ergibt. Auf den ersten Blick ist oft nicht mal zu erkennen, dass sie tatsächlich ebenfalls allesamt Bibelworte zum Hintergrund haben und diese ins Bild zu setzen versuchen. Sie tun das jetzt jedoch in einer neuen Weise, der, wie wir sehen werden, auch eine veränderte Perspektive entspricht, aus der Bibel gelesen wird. Wenn wir die Bilder an der Empore der Kirche in Freudental nun als ‚emblematische Bilder' bezeichnen, dann deshalb, weil sie sich der im Verlaufe des 16. Jhdts. neu aufgekommenen Kunstgattung der Embleme verdanken.

Über die Kunstgattung der Embleme und die von ihnen abgeleiteten emblematischen Bilder in Kirchenräumen

Embleme, in ihrer unauflöslichen von Wort und Bild, erheben den Anspruch, in einer bildhaften Wiedergabe einen Ausschnitt der uns umgebenden und bekannten Welt (Alltag, Natur, aber auch allseits vertraute literarische und geschichtliche Stoffe) gleichsam einzufangen, um ein sich darin widerspiegelndes allgemeingültig Höheres, Geistiges, Ewiges transparent zu machen. Zu einer ‚Pictura' (einem Bildmotiv aus der Tier- oder Pflanzenwelt z.B.) tritt ein ‚Lemma' oder auch ‚Motto' aus einigen wenigen Worten, gerne als Rätselwort oder zumindest als Denkanstoß formuliert. Der eigentlich unabdingbar dazu gehörige dritte Teil des Emblems, die ‚Subscriptio', in aller Regel in eine dichterische Form (z.B. als Epigramm) gekleidet, kommt dann die Aufgabe zu, die zur Frage gewordene Spannung von Bild und Motto wiederum aufzulösen.
Sind es zunächst noch die humanistisch Gebildeten oder höfische Kreise, die diese neu erfundene Kunstgattung pflegen, so wird sie dann im Verlaufe des 17. Jahrhunderts in immer mehr popularisiert, nicht zuletzt dadurch, dass sie im hohen Maße in die Erbauungsliteratur Eingang findet. Es gibt auch nicht wenige evangelische Autoren, ebenfalls oft Theologen, die sich, durchaus eigenständig oder auch angeregt durch und in Anlehnung an katholische Vorbilder, der geistlichen Emblematik als eines Werkzeugs bedienen. U.a. hat sich besonders das evangelische Nürnberg als wichtiges literarisches Zentrum und als Verlagsort für emblematische Bücher hervorgetan.
Zwei dicke in Nürnberg erschienene Predigtbände des renommierten Nürnberger Theologen Johann Michael Dilherr (1604-1669) sind es denn auch, die hier zur Vorlage für die Emporebilder in Freudental wurden.

Die Botschaft der Bilder an der Empore in Freudental

Der kleine Ort Freudental wurde erst 1685 von Herzog Friedrich Karl für das Herzogtum Württemberg erworben. Nebst dem Bau eines Jagd-Schlösschens wurde auch gleich mit dem Umbau und der komplette Neueinrichtung der kleinen Kirche begonnen, wozu dann auch der Bilderschmuck an den Emporen des 1687 wieder eingeweihten Gotteshauses gehörte. Da ausnahmslos alle Bilder einschließlich ihrer Inschriften in großer Treue der oben erwähnten literarischen Vorlage Dilherrs folgen, liegt der seltene Glücksfall vor, über die bloße Bildbetrachtung hinaus noch eine zeitgenössische und sehr ausführlichere Quelle miteinbeziehen zu können. Sie bietet nicht nur den an den Emporen fehlenden dritten Teil der emblematischen Grundform, die in Gedichtform erklärende Deutung,. Vielmehr tritt jeweils noch eine gedruckten Predigt hinzu, die die gemeinte Botschaft noch einmal erläutert und unterstreicht, welche konkreten und auf den ersten Blick gar nicht immer so klar erkennbaren biblischen Stoffe in diesen emblematischen Bildern zur Anschauung kommen sollen. Schließlich liefert der Autor des Buches darüber hinaus sogar noch zusätzlich eine weitere ganz detaillierte Beschreibung der Bildmotive in Prosaform.