Nicht kann Gott verborgen sein, er schneit auf den Herzenschrein.

Nicht kann Gott verborgen sein, er schneit auf den Herzenschrein.

 

Das veränderte Christusbild

Unter dem Einfluss einer Frömmigkeit, wie sie sich hier in emblematischen Bildern niederschlägt, erfährt auch die Christusgestalt eine andere Deutung. Wurde in evangelischen Kirchen der frühen nachreformatorischer Zeit in Bildern wie denen von Christi Geburt, seinem Sterben am Kreuz, seiner Auferstehung vorwiegend das durch Christus geschenkte Heil ausgerufen, so rückt jetzt die subjektiv erlebbare Wirkung, die von der Christusgestalt auf den einzelnen Menschen ausgeht, ganz deutlich sichtbar in den Vordergrund. Das einzige ‚traditionelle' Bildmotiv dieser Bilderreihe in Freudental, das Christus am Stamm des Kreuzes vor Augen malt, fügt doch zugleich die Blutstrahlen mit hinzu, die seinen Wunden entspringen, Taufschale und den Abendmahlskelch damit füllen und so das göttliche Heil für den Frommen spürbar, ja schmeckbar machen (Bild 6). Im übrigen liegt der Akzent auf Christusbildern, die ihn viel eher in seiner mahnenden, kritischen Wirkung vor Augen halten. Als Kreuzträger schleppt er sein schweres Kreuz mit Mühe voran und mahnt so die Gläubigen, verniedlicht als Putti, ihr eignes doch viel kleineres ‚Kreuzlein' ihm folgend nachzutragen: ‚Jesus mit dem Creutz geht für - Und den Creutz weg zeiget dir.' (Bild 9) Christus als Goldschmied stellt auf die Glaubensprobe (siehe oben), oder Christus als ein Chirurg, mit einem scharfen Messer bewaffnet, seziert ein Menschenherz, um seinen Inhalt bloß zu legen: ‚Nichts kann Gott Verborgen sein - Er schneit auf den hertzens schrein.'(Bild 8 siehe oben). Um es in einem Satz zusammenzufassen: Mehr als auf den ‚äußeren' Christus der biblischen Geschichten kommt es jetzt auf den ‚inneren' Christus an, auf den Christus, den der Glaubende in das Innere seines Herzen aufnimmt (Bild 11 siehe unten): ‚Wer will Jesum einquartieren - Muß ihn mit dem Glauben führen'.

Wie ist die Frömmigkeit, die sich in diesen emblematischen Bildern ausspricht, einzuordnen?
Weltflüchtig und nach innen gerichtet, so stellt sich also die Frömmigkeit, die sich in diesen Bildern ausspricht dar. Ein gewisser Welt-Pessimismus bleibt unverkennbar, ein gläubiger Christ hat für sein irdisches Leben nicht allzu viel zu erhoffen, sein Sehnsuchtsblick richtet sich, so wie der Blick derer, die durch ein Fernrohr schauen, gen Himmel aus: ‚Hier kanstu haben einen schein - Wie groß dort wird die freude sein.' (Bild 14 siehe unter 'Emporenbilder Teil 4)
Nach Ende des 30jährigen Krieges, in einer Zeit der Verunsicherung und des Umbruchs, verlieren bisherige Muster im Denken, Leben, Glauben und praktizierter Frömmigkeit an Überzeugungskraft und drohen, nicht mehr wie früher wie selbstverständlich weiter zu tragen. Die Frage nach der persönlichen, der subjektiv erfahrbaren Nähe des Heils gewinnt an Gewicht und lässt nach neuen Antworten Ausschau halten. Allerdings, wenn auch das Individuum und die ganz eigene und persönliche Glaubenerfahrung immer wichtiger werden, von ersten Schritten auf einem Wege zu größerer Mündigkeit kann vorerst dennoch noch längst nicht die Rede sein. Man könnte fast sagen, eher im Gegenteil. Auch das macht die Bilderpredigt von Freudental deutlich: So sehr sie den Einzelnen in seiner Eigenverantwortung anspricht, sie will ihn doch nur dazu bewegen, sich umso entschiedener einem schon vorgegebenen christlichen Rahmen noch einmal ganz bewusst ein- und unterzuordnen. Vor einer Abweichung von der vorgegebenen reinen Lehre der Kirche wird, wie schon erwähnt, sogar ganz ausdrücklich gewarnt. Und die einzige Frage, die hier im Raume steht, bleibt die an den Kirchenbesucher gerichtete Frage, was er denn selber in seinem eigenen Herzen wohnen lässt.

Wer will Jesum einquartieren, muß ihn mit dem Herzen führen.